Rennbericht Raid Pavia Venezia 2025


Mein Raid Pavia-Venezia 2025

Der Fluss frisst Boote

Der Raid Pavia-Venezia 2025 war für mich keine einzelne Veranstaltung, sondern der Höhepunkt eines Jahres, in dem sich alles um einen Fluss, ein Boot und eine Idee gedreht hat. Schon Monate vor dem Start begann die eigentliche Arbeit weit weg vom Po, auf deutschem Wasser. Mehrere Testläufe auf dem Rhein wurden zu kleinen Generalproben. Jedes Mal war ein Team aus Freunden und Unterstützern dabei, und fast immer lief parallel das Boot der DLRG Wiesbaden-Schierstein mit.

Während ich im Cockpit an Setup, Drehzahl, Propeller und Trimmung arbeitete, hatten wir Funkkontakt, Rettungsszenario und klare Absprachen. Gerade mit einem historischen Holzboot und einem hochgedrehten Alfa-Motor war es ein beruhigendes Gefühl, Profis in Reichweite zu wissen, die mit Strömung, Manövern und Ernstfällen umgehen können. Technisch ging es in dieser Phase um Details, die im Rennen später den Unterschied machen würden. Propeller, Wellenwinkel, Trimm, Schwerpunkt, das Zusammenspiel aus Motorcharakteristik und Flussbedingungen

Bei Arbeiten an der Antriebswelle entdeckten wir einen Haarriss im Bereich zwischen Wellenbock und Propeller. Genau die Sorte Problem, die im Rennen erst die Welle und kurz danach das gesamte Projekt zerstören würde. Markus Radfang, Maschinenbauer und jemand, der Präzision wirklich lebt, fertigte eine neue Welle aus 42CrMo4. Sauber berechnet, gefräst und gewuchtet, perfekt auf die Belastung eines Hydroplane-Antriebs ausgelegt. Nach dem Einbau liefen die Testfahrten ruhiger, das Boot verhielt sich berechenbarer, und jeder Lauf lieferte neue Daten für Feinabstimmungen. Parallel dazu lief der organisatorische Teil: Lizenzen, ärztliche Checks, Versicherungen, Einstufung in die historische Klasse, technische Unterlagen für Boot und Motor.

Am Bildschirm verfolgte ich täglich die Pegelstände von Ticino und Po. In den letzten drei Tagen vor dem Rennen war der Wasserstand ständig am Sinken. Man sah auf den Diagrammen, wie sich die Linien nach unten fraßen, und wusste genau: Was hier als Zahlenserie aussieht, wird sich später als Sandbank oder flacher Kiesstreifen unter dem Boot bemerkbar machen. Die Strecke war in meinem Kopf längst mehrfach gefahren, lange bevor das erste Rad Richtung Italien rollte. Am Ende stand eine klare Entscheidung. Wir fahren. Aus Deutschland nach Pavia, nur für dieses Rennen. Mit einem Holzboot, das für genau diesen Fluss gebaut wurde. Mit einem Motor, der schon 2024 gezeigt hatte, was er kann. Und mit einer Familie, die bereit war, diesen Trip mitzugehen, mit allen Risiken, Kosten und Unwägbarkeiten. Als Zugfahrzeug mieteten wir einen wagen, der schnell seinen Spitznamen bekam: der Platzhirsch. Mit ihm zog ich Roxane nach Italien. Meine Eltern saßen mit im Auto. Zuerst brachte ich sie ins Hotel, dann fuhr ich weiter zum Club, brachte das Boot in die Dry Pits und ließ es dort ankommen.

Der Freitagabend gehörte uns dreien, ein ruhiges Essen, eine Mischung aus Stolz, Vorfreude und dieser leisen Stimme im Hinterkopf, die sagt: Es ist alles vorbereitet, aber der Fluss hat noch nicht mitgeredet. Kurz darauf wurde aus dem Trio ein kleiner Tross. Enza und Rosa, zwei meiner drei Schwestern, kamen zusammen mit Fanny-Lara und Enrico an. Der Wagen war voll mit Koffern, Kamerataschen, Snacks und guter Laune. Aurelio reiste mit seiner Frau Maria und Tochter Laura an. Dazu Valkyrie, der Dalmatiner von Fanny-Lara, und Max, der Hund von Aurelio. Auf dem Papier war ich Fahrer eines historischen Rennbootes. In der Realität waren wir eine komplette Reisegruppe aus Deutschland, die nur für dieses eine Rennen nach Italien kam. Jeder hatte eine Rolle. Aurelio kümmerte sich um den Platzhirsch, organisierte Rangierarbeit, half beim Einwassern und beim Herausziehen, hielt das Boot in den Wet Pits am Steg, während ich im Cockpit Helm und alles checkte. Enrico war Mädchen für alles und halber Medienmann. Wenn ein Werkzeug fehlte, ein Formular gesucht wurde, jemand spontan zum anderen Ende der Boxengasse musste, war er unterwegs.

Fanny-Lara war unsere Vollzeit-Mediencrew. Sie filmte und fotografierte alles und jeden, vom Boot über Startnummern und Detailshots der Alfa Teile bis hin zu Familienmomenten zwischen all dem Racing.

Rosa und Enza sahen immer so aus, als würden sie gleich auf ein Event gehen, organisierten Abende, Restaurants, Stimmung und nebenbei noch Media. Maria, Laura und meine Eltern kümmerten sich in den Dry Pits darum, dass Boot und Crew versorgt waren: etwas zu essen, etwas zu trinken, Ordnung rund um den Platz, ein Auge aufs Material. Es war kein anonymer Renntruck, es war eine kleine Familienboxengasse.

Der Samstag in Pavia war der Tag, an dem Papier und Technik den Ton angaben. Schon früh standen wir mit Ordnern, Pässen und Lizenzkarten vor dem Organisationszelt. Einschreibung, Haftungserklärungen, Klasseneinstufung, Startnummern, Transponder, GPS Tracker. Jede Unterschrift ein weiterer Schritt weg vom Alltag und näher an den Moment, in dem nur noch Gas und Linie zählen. In der technischen Abnahme wurde Roxane von vorne bis hinten durchgesehen. Rumpf, Startnummern, Lifeline, Helm, Schwimmweste, Feuerlöscher, Kill Switch.

Foto:Giancarlo Tato Coscia

Dazu die Zuordnung zur historischen Racer Klasse, bei der die Offiziellen immer wieder auf den Alfa-Motor schauten, so als wollten sie sich vergewissern, dass da wirklich ein Autoherz in einem Holz Hydroplane steckt. Das Fahrerlager selbst war ein wilder Mix aus Welten. Moderne Offshore Rümpfe mit riesigen Außenbordern standen neben italienischen V Booten, niederländischen Offshore Booten und britischen Cats. Dazwischen Jetskis, kleine offene Rennboote und die historischen Holz Hydros, von denen viele mit Alfa-Romeo-Motoren ausgerüstet waren. Zwischen den Zelten lagen Propeller auf Decken, Werkzeugkoffer standen offen, es wurden Tanks entlüftet, Kabel gebündelt, Gurte eingestellt.

Es roch nach Benzin, Öl, Sonnencreme, nasser Plane und Flusswasser. Über Lautsprecher liefen Durchsagen auf Italienisch und Englisch, dazwischen Gelächter, Motorproben, das Klacken von Drehmomentschlüsseln und immer wieder das tiefe Bellen von V6 und V8, die kurz auf Drehzahl gebracht wurden. Man merkte in jeder Ecke des Geländes: Hier will niemand einfach nur mitfahren. Jeder ist gekommen, um diesem Fluss etwas abzutrotzen.

Foto: Marilena Piraino

Foto: Marilena Piraino

Am späten Nachmittag rollte alles in die Stadt. Die Parade durch Pavia ist jedes Jahr ein Highlight. Boote auf Trailern, Trucks, Gestellen, einmal quer durch die Innenstadt. Menschen standen an den Bürgersteigen, filmten, fotografierten, winkten. Wir verteilten uns auf und um Roxane, und vorne auf dem Pilotensitz saß Valkyrie, als wäre sie die eigentliche Pilotin. Ein historisches Hydroplane mit der Startnummer 996, ein Hund im Cockpit, eine deutsche Familie drumherum, mitten in einer italienischen Stadt. Es war laut, bunt und gleichzeitig irgendwie symbolisch: ein Boot, das Jahrzehnte auf dieses Comeback gewartet hatte, wieder in seinem Element, kurz bevor es ernst wird. Am Abend begann der Teil des Wochenendes, den es nur in Pavia gibt. Erst ein typisches Essen aus der Region, Risotto, lokale Spezialitäten, ein Tisch voll Familienmitgliedern, Freunden und Rennfahrern, und dann ging es nahtlos über in den Pavia Modus.

Wir zogen vom Restaurant in Richtung Altstadt, hinein in enge Gassen, kleine Plätze, offene Türen, aus denen Musik auf die Straße lief. Pavia ist jung und lebendig, voll mit Studierenden und Leuten, die genau wissen, wie man eine Samstagnacht nutzt. Zwischen Aperitivo Gläsern, Bier, Wein und allem, was sonst noch ausgeschenkt wurde, liefen ständig vertraute Gesichter durchs Bild. Immer wieder trafen wir Leute aus der Boxengasse. Drew mit seiner Crew, Charlie, Rob und sein Team. Man stand zusammen auf der Straße, halb in der Bar, halb draußen, mit Plastikbechern in der Hand. Es wurden Linien besprochen, Flussarme diskutiert, Motorcharakteristiken verglichen. Zwischendurch flogen Sprüche, es wurde gelacht, wieder irgendwo eingekehrt, wieder jemandem aus einem anderen Team auf die Schulter geklopft.

Wir zogen vom Restaurant in Richtung Altstadt, hinein in enge Gassen, kleine Plätze, offene Türen, aus denen Musik auf die Straße lief. Pavia ist jung und lebendig, voll mit Studierenden und Leuten, die genau wissen, wie man eine Samstagnacht nutzt. Zwischen Aperitivo Gläsern, Bier, Wein und allem, was sonst noch ausgeschenkt wurde, liefen ständig vertraute Gesichter durchs Bild. Immer wieder trafen wir Leute aus der Boxengasse. Drew mit seiner Crew, Charlie, Rob und sein Team. Man stand zusammen auf der Straße, halb in der Bar, halb draußen, mit Plastikbechern in der Hand. Es wurden Linien besprochen, Flussarme diskutiert, Motorcharakteristiken verglichen. Zwischendurch flogen Sprüche, es wurde gelacht, wieder irgendwo eingekehrt, wieder jemandem aus einem anderen Team auf die Schulter geklopft.

Die Gruppen mischten sich, lösten sich wieder auf, tauchten in der nächsten Bar in anderer Zusammensetzung wieder auf. Meine Schwestern und die Kids waren mittendrin, Valkyrie war der inoffizielle Streichelstar der Nacht. Pavia machte keinerlei Anstalten, früh Schluss zu machen. Irgendwann verschwammen Uhrzeiten mit der Musik aus den Bars. Irgendwo zwischen der letzten Runde und dem Weg zurück zum Hotel hat Fanny-Lara dann wohl noch eine recht deutliche Meinung ihres Körpers zur Getränkekarte des Abends bekommen. Sagen wir es so: Der Ticino war nicht der einzige Fluss, der in dieser Nacht gut gefüllt unterwegs war. Am nächsten Morgen war sie jedenfalls ein kleines bisschen blasser als sonst, was die Geschichte nur glaubwürdiger macht.

Der Sonntagmorgen begann für mich deutlich früher als für die meisten anderen. Irgendwann im Vorfeld hatte ich den Leuten von Sky Sport gesagt, sie könnten kommen, wann immer sie wollen. Niemand aus meiner Familie wusste so genau, ob da wirklich etwas draus werden würde. Als ich dann früh Richtung Dry Pits lief, standen da tatsächlich Kamera, Tonangel und Moderator bereit. Es war Sandro Donato Grosso, den viele aus dem Fernsehen kennen. Plötzlich war aus meinem historischen Holzboot eine offizielle TV Geschichte geworden. Während der Großteil meiner Truppe noch schlief oder sich gerade zum ersten Kaffee schleppte, stand ich vor der Kamera und erzählte von Roxane, vom Alfa Motor, von der historischen Racer Klasse und davon, was es bedeutet, mit einem Holzboot über vierhundert Kilometer flussabwärts zu fahren. Sandro stellte genau die Fragen, die man sich als Zuschauer stellt, wenn man so ein Holz Hydroplane sieht: Warum macht man so etwas, wie gefährlich ist es, was ist das Besondere an diesem Boot. Im Hintergrund begann das Fahrerlager langsam zu leben. Zeltplanen wurden hochgerollt, erste Motorhauben geöffnet, Werkzeug sortiert, irgendwo zischte der erste Kompressor, und aus verschiedenen Ecken roch es nach frisch aufgebrühtem Kaffee.

Nach und nach trudelte auch meine Familie wieder in den Dry Pits ein. Manche mit Sonnenbrille, manche mit sehr wachem Blick, andere eher im Sparmodus nach der Nacht in den Bars. Man musste niemanden fragen, wer am Vorabend etwas früher ins Bett gegangen war und wer nicht. Zwischen Kamerateam, Mechanikern, Familie und Fahrern fühlte sich der Sonntagmorgen schon wie eine erste Generalprobe an.

Es war klar: Jetzt wird es ernst. Am späten Nachmittag fand das Fahrermeeting statt. Open Air, mit knapp hundert Teams plus Mechanikern, Familien, Offiziellen. Es war voll, laut und trotzdem waren die entscheidenden Sätze glasklar. Es ging um Startreihenfolge, Schleusen, kritische Passagen, Verhalten bei Gefahr, Kommunikation mit der Organisation. Besonders intensiv wurde auf Sicherheitsregeln hingewiesen. Die Helmpflicht wurde betont, immer wieder, in zwei Sprachen, sinngemäß mindestens achtmal. Der Helm darf während des gesamten gewerteten Abschnittes nicht abgenommen werden, sonst droht sofortige Disqualifikation. Tanken, Abschleppen, Verhalten bei Pannen, alles wurde detailliert erklärt. Alle nickten, viele machten sich Notizen. Für mich war klar: Dieser Raid wird kein gemütlicher Sonntagsspaziergang.

Der Montag war Renntag. Früh am Morgen war in den Wet Pits schweres Gerät in Aktion. Zwei große Kräne arbeiteten durchgehend, hoben Boote von Trailern, schwenkten sie über Bäume und Zäune, setzten sie in den Ticino. Von sieben Uhr morgens bis mittags dauerte dieses Schauspiel. Die großen Offshore Boote hatten wegen des extrem niedrigen Pegels schon beim Einwassern ihre ersten Probleme, kratzten mit ihren tief laufenden Antrieben über den Grund, mussten öfter verholt oder umgesetzt werden. Einige Boote verschwanden sogar wieder kurz an den Steg, weil Kleinigkeiten vergessen worden waren, zum Beispiel GPS Tracker, die im Auto liegen geblieben waren. Roxane wurde an den Kran gehängt und stieg höher und höher. Am Ende hing sie in etwa fünfunddreißig Metern Höhe über dem Fahrerlager.

Für Außenstehende war es ein spektakulärer Anblick, für mich ein Moment, in dem man jeden Schlag, jede Bewegung der Ketten sehr genau registriert. Etwa zehn Minuten stand das Boot dort oben, während unter uns Fahrzeuge rangiert, Anweisungen gegeben und Abläufe koordiniert wurden.

Dann senkte sich der Haken endlich, das Boot setzte sanft auf dem Wasser des Ticino auf, wurde an den Steg gebracht, wo Aurelio das Boot hielt und der letzte Wechsel von Land auf Wasser begann. Helm, Gurte, Schalter, Instrumente, ein letzter Blick zur Familie auf dem Steg, dann war alles um mich herum nur noch Cockpit, Wasser, Motor und Strecke. In der Racer Klasse der historischen Hydroplane standen wir mit acht Booten am Start. Mein Ziel war klar: ankommen, egal was der Fluss vorhatte. Der Startbereich in Pavia war voller Menschen und Fans, die Ufer belegt, Kameras überall.

Foto: Marilena Piraino

Der Start selbst lief fast perfekt. Keine Verzögerung, saubere Abläufe, Roxane lag ideal im Wasser. Der Alfa lief rund, nahm sauber Gas an, alles fühlte sich stimmig an. Schon am Morgen war klar gewesen, dass es kein einfacher Lauf werden würde. Strahlender Sonnenschein, ja, aber der extrem niedrige Wasserstand des Po ließ uns Fahrer ahnen, dass heute vieles anders sein würde als im Vorjahr. Der Pegel war in den letzten drei Tagen vor dem Rennen täglich gefallen. In solchen Momenten weiß man: Es geht nicht nur um pure Geschwindigkeit, sondern ebenso um Gefühl für das Wasser, Taktik und eine Portion Instinkt.

Der Pegel war in den letzten drei Tagen vor dem Rennen täglich gefallen. In solchen Momenten weiß man: Es geht nicht nur um pure Geschwindigkeit, sondern ebenso um Gefühl für das Wasser, Taktik und eine Portion Instinkt.

Schon nach wenigen Kilometern forderte uns der Fluss alles ab. Ausgedehnte Sandbänke zwangen zu präzisen Kurswechseln, jede falsche Linie hätte das Aus bedeuten können. Dann kamen die Ausgleichungen, Strömungen, die das Boot unvermittelt versetzten, und schließlich ganze Abschnitte mit massivem Treibholz, die jede Sekunde höchste Konzentration erforderten. Zu schnell fahren war riskant, zu langsam bedeutete Zeitverlust. Der Po zeigte schon früh, warum man sagt, dass er Boote frisst

Foto: Marilena Piraino

An der Schleuse von Isola Serafini angekommen, verdichtete sich alles auf wenige Augenblicke. Ich sah auf der Backbordseite einen Steg mit Menschen in blauen Shirts, die mir gestikulierend mitteilten, dass ich noch durch die schließende Schleuse fahren sollte, obwohl die Ampel eigentlich schon auf Rot stand. Das Tor war bereits am Schließen, aber ich entschied mich, mit mäßiger Geschwindigkeit noch in die Schleuse zu fahren. Bei der Durchfahrt blieben vielleicht zwanzig Zentimeter links und rechts zwischen Rumpf und Tor. Es reichte gerade so.

Nur wenige Kilometer vor dieser Passage hatte sich an genau diesem Abschnitt gezeigt, wie schmal der Grat zwischen Kontrolle und Kontrollverlust ist. Ein Boot hatte sich in einer Kurve überschlagen, vermutlich nach Kontakt mit einer flachen Sandbank. Beide Fahrer wurden aus dem Cockpit geschleudert. Einer von ihnen musste mit dem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus geflogen werden. Es war kein spektakulärer Rennmoment, kein Duell, kein Fehler im Übermut. Es war der Fluss.

Niedrigwasser, wechselnde Strömung, unsichtbare Kanten unter der Oberfläche. Später erfuhren wir von einem weiteren Zwischenfall mit technischem Defekt, ebenfalls mit heftigem Einschlag ins Ufer. In solchen Momenten wird klar, dass Geschwindigkeit hier nur die Oberfläche ist. Darunter entscheidet Erfahrung, Linie und ein permanenter Respekt vor dem, was man nicht sieht.

Zu diesem Zeitpunkt waren von unseren acht Booten nur noch fünf übrig. Die ersten Opfer der harten Bedingungen waren bereits draußen. Mein Lucini lief stark, die Linie passte, die Motorwerte waren perfekt. Nach der Schleusung ging es weiter Richtung offizieller Tankstopp in Torricella.

Der Fluss blieb tückisch, aber das Boot arbeitete sauber. Beim Tankstopp waren wir dann nur noch vier Boote aus unserer historischen Racer Klasse. Alles lief weiter wie am Schnürchen. Wir legten an, meine Family Crew und Vittorio am Steg waren bereit, tankten ohne Verzögerung, reichten Getränke, checkten Kameras und co.

Enrico und Fanny-Lara hatten zu Beginn kurz Diskussionen mit Offiziellen, weil sie zwar Team Pass, aber keine einheitliche Teamkleidung trugen und erst nicht ganz an den Steg gelassen werden sollten. Nach ein paar Worten, Gesten und dem Hinweis auf die Pässe löste sich das auf, und die Boxencrew aus Deutschland stand vollzählig an meinem Boot. Wenige Minuten später war alles erledigt, und ich ging wieder zurück aufs Wasser.

Hinter Torricella wurde der Po breiter, aber nicht harmloser. Treibholz, wechselnde Strömungen, flache Stellen, dazu die mentale und körperliche Ermüdung. Rund um Kilometer 312 kam der Moment, der das Rennen für mich hätte beenden können. Plötzlich fiel der Wasserdruck ab. Der Blick nach links zum Wasserauslass zeigte, dass das Kühlwasser nur noch tröpfelnd ankam. Kein Kühlwasser mehr, und ein Motor, der unter Volllast weiterlaufen will, das ist eine Kombination, die nicht lange gut geht.

Ich reagierte sofort, nahm Gas heraus, brachte das Boot zum Stillstand. Im Cockpit wurde es schlagartig eng. Zuerst tastete ich mich durch alle Kühlwasserleitungen, suchte nach einem geplatzten Schlauch oder einer losen Schelle, fand aber nichts Auffälliges. Also blieb nur der Weg nach draußen. Ich arbeitete mich aus dem Cockpit nach hinten und griff ins Wasser an das Ruder, dort, wo die Wasseraufnahme sitzt. Unter meiner Hand fühlte ich sofort das Problem. Eine Plastiktüte oder Folie hatte sich um die Aufnahme gelegt und blockierte den Durchfluss fast komplett. Ohne zu zögern löste ich das Hindernis, warf die Tüte in mein Boot, damit sich der nächste Fahrer nicht ebenfalls denselben Plastiksack einfängt, kletterte zurück ins Cockpit, startete den Motor und sah, wie der Wasserauslass wieder einen sauberen Strahl lieferte. Das Rennen lebte weiter.

Name fotograf

Foto:Alexandru Zugravu

Es kam langsam Gegenwind auf, und je weiter wir flussabwärts kamen, desto sauberer lief das Boot. Der Fluss wurde breiter, die Wellen wurden kleiner, aber griffig, gerade so, dass der Rumpf sich auf die Hinterkante stellen konnte. Der Motor drehte perfekt, Roxane lief immer besser, immer schneller auf dem letzten Abschnitt. Genau das ist der Raid. Genau für diesen Moment bin ich angetreten. In der Schlussphase Richtung Volta Grimana kämpfte ich mich zurück nach vorn und konnte schließlich als Erster der historischen Racer Klasse die Ziellinie überqueren, nur knapp vor einem weiteren Konkurrenten aus unserer Klasse. Doch der Tag war damit nicht zu Ende. Der Raid 2025 schrieb an diesem Tag gleich mehrere Geschichten.

Während wir uns in unserer historischen Racer Klasse durch Strömung, Sandbänke und Schleusen kämpften, spielte sich weiter vorne auf dem Fluss eine ganz andere Dimension des Rennens ab. Guido Cappellini gewann die Ausgabe 2025 und schrieb dabei Geschichte. Mit einer offiziellen Zeit von 1 Stunde, 41 Minuten und 54 Sekunden stellte er einen neuen Streckenrekord auf. 207,26 km/h Durchschnitt auf 414 Kilometern Fluss. Eine Zahl, die selbst für erfahrene Motonauten kaum greifbar ist. Der bisherige Rekord von Dino Zantelli aus dem Jahr 2015 galt lange als Maßstab einer ganzen Generation. Fast zehn Jahre blieb er bestehen. Nun wurde er gebrochen. Der Raid zeigt damit zwei Gesichter gleichzeitig: absolute High-Tech-Spitze mit F1-DAC-Booten jenseits der 200 km/h – und historische Holzrümpfe, die sich mit Gefühl, Erfahrung und Respekt durch denselben Fluss bewegen. Und genau das macht diese Veranstaltung einzigartig.

Im Rennen gab es zudem Situationen, die Fragen zur Auslegung des Reglements aufwarfen. Ein Konkurrent aus meiner Klasse blieb im Fluss liegen und erhielt Unterstützung und wurde teils geschleppt. Auch die Helmpflicht, die im Briefing mehrfach und eindringlich betont worden war, spielte dabei eine Rolle. Solche Momente berühren einen sensiblen Punkt im Motorsport: Fairness. Gerade bei einer Veranstaltung mit dieser Tradition ist es entscheidend, dass Regeln für alle gleichermaßen gelten und auch sichtbar angewendet werden. Nicht aus Prinzipienstreit, sondern aus Respekt gegenüber jedem, der sich diesem Fluss stellt.

Nach der Zieldurchfahrt sammelten sich alle Boote in der nächsten Schleuse. Ich fuhr dieses Jahr zum zweiten Mal den Raid. 2024 war das Rennen für uns in Porto Viro zu Ende gewesen, deshalb war es dieses Mal praktisch das erste Mal, dass ich die Schleuse nach dem Ziel in dieser Form erlebte. Vielleicht hätte mir jemand vorher sagen können, was dort auf mich zukommt. Dass es nach einem harten Renntag noch einmal so ungemütlich werden kann. Anscheinend hatte aber wieder niemand damit gerechnet, dass ich auch 2025 schon wieder im Ziel ankomme.

Als sich die Schleusentore öffneten, schossen die großen Offshore Boote mit voller Kraft hinaus in einen engen Flusskanal und erzeugten einen massiven Wellenschlag. Die erste Welle lief in mein Boot, die zweite füllte es weiter, die dritte ging komplett über mich hinweg. Innerhalb weniger Sekunden stand ich bis zu den Knien im Wasser, das Boot lief voll. Ich stand auf, machte mich deutlich sichtbar bemerkbar. Es war für alle offensichtlich, dass mein Boot in einer Notlage war. Mehrere Fahrer aus anderen Klassen sahen klar, dass ich Probleme hatte. Zwei Boote hielten sogar kurz an, betrachteten die Szene, entschieden sich dann aber, wieder Vollgas Richtung Preisverleihung zu geben. In solchen Momenten merkt man, wie verletzlich ein historisches Boot in einem Feld moderner Offshore-Rümpfe ist. Jeder war erschöpft, jeder wollte ins Ziel – und doch wünscht man sich in einer Situation wie dieser vor allem eines: Zusammenhalt unter Rennfahrern. Am Ende blieb ich eine Zeit lang allein mit einem vollgelaufenen Hydroplane im Kanal zurück. Auch das gehört offenbar zu diesem Rennen. Nach etwa dreißig Minuten erschien ein Boot der Guardia di Finanza. Sie erkundigten sich nach meiner Situation, konnten jedoch nicht eingreifen. Also blieb mir nur, weiter zu improvisieren – wie so oft an diesem Tag. Wer ein Holz-Hydroplane kennt, weiß: In einem solchen Moment gibt es keinen Plan B.

Nach einiger Zeit erschien ein Rescue Boot. Was da ankam, war kaum zu glauben. Ein kleines Schlauchboot, gefühlt eineinhalb Meter lang, mit einem kleinen Zweitakter aus den Achtzigerjahren und drei Personen an Bord. Trotz aller Bemühungen versuchten sie, mein inzwischen vollgelaufenes Hydroplane abzuschleppen. Wir schleppten etwa dreihundert Meter im Schritttempo, jeder Meter fühlte sich an wie ein eigener Abschnitt des Raid. Von Anfang an war klar, dass das unter diesen Bedingungen kaum funktionieren konnte. Schließlich gab der Motor des Schlauchbootes selbst auf, und so saßen wir beide, das Rescue Team und ich, hilflos im Fluss


Erst nach einer weiteren Wartezeit kam ein Boot, das mich und Roxane schließlich bergen konnte.
An Bord konnte mir zunächst niemand sagen, welche Platzierung ich erreicht hatte. Vielleicht Erster, vielleicht Zweiter, wir wissen es nicht, lauteten die Antworten. Umso bitterer war, was später geschah. Als wir nach all den Strapazen und dem Schleusendrama schließlich mit dem Boot in der Marina del Sole ankamen, war dort niemand mehr von der Organisation anwesend, der für unsere Klasse zuständig war.

Zunächst herrschte also Unklarheit über die endgültige Wertung unserer Klasse. In diesem Moment war es weniger die Platzierung selbst, die zählte, sondern die Tatsache, dass wir diesen Fluss sportlich bezwungen hatten. Natürlich wünscht man sich bei einer Veranstaltung mit dieser Tradition eine transparente und eindeutige Kommunikation. Doch unabhängig von Tabellen und Listen bleibt das, was auf dem Wasser geleistet wurde.

Gerade bei einer traditionsreichen Veranstaltung wie dem Raid lebt der Sport von klaren Regeln und deren konsequenter Anwendung. Sie schaffen Vertrauen, Vergleichbarkeit und Respekt unter den Fahrern – unabhängig von Herkunft oder Bootstyp. Wer mit einem historischen Holz-Hydroplane über mehr als vierhundert Kilometer durch Sandbänke, Strömungen, Treibholz und Schleusen kommt, verdient vor allem eines: Klarheit.

Auf dem Papier blieb manches offen. Im sportlichen Gesamtbild dieses Tages jedoch nicht. Offiziell bin ich 2025 Zweiter in der historischen R2000 Hydroplane Klasse. In meinen Daten, in den Bildern und in den Erinnerungen dieses Rennens steht etwas anderes: Ein historisches Lucini-Hydroplane hat unter extremen Bedingungen die volle Distanz gemeistert und bis zuletzt um die Spitze gekämpft. Das ist die Bilanz, die für mich zählt.

Dafür möchte ich mich bedanken. Bei der gesamten Organisation, bei der FIM, bei meinen Mitfahrern, auch bei den Supersportlern unter ihnen, bei meiner gesamten Family, bei allen Freunden und Unterstützern, die mich auf diesem Weg begleitet haben. Ohne euch wäre dieses Projekt nie an den Start gegangen. Für mich ist 2025 kein Schlusspunkt, sondern ein Startsignal. Es ist der Beweis, dass wir mit einem historischen Holz Hydroplane beim härtesten Flussrennen Europas ganz vorne mitfahren können. 2026 werden wir wieder nach Pavia fahren, mit Roxane, mit einem noch besser vorbereiteten Setup, mit derselben Familie im Rücken und einem klaren Ziel vor Augen. Der Fluss frisst Boote, aber er gibt denen, die wiederkommen, auch die Chance, Geschichte zu schreiben.

Nachwort

Der Raid Pavia-Venezia 2025 war kein Abschluss, sondern ein Kapitel. Ein Moment, in dem ein historisches Holzboot, ein Alfa Motor und eine Familie gezeigt haben, dass man mit Leidenschaft und Entschlossenheit selbst auf einem Fluss wie dem Po bestehen kann. Und wenn ich heute auf dieses Rennen zurückblicke, dann sehe ich nicht nur Strömungen, Sandbänke, Treibholz oder Motorgeräusch – ich sehe die Menschen, die dieses Projekt überhaupt erst möglich gemacht haben.

Meine Familie war nicht einfach „dabei“. Sie war Teil des Rennens.
Rosa und Enza. Fanny-Lara und Enrico. Meine Eltern. Und vielleicht stehen 2026 auch Luisa und Angelina am Steg. Jeder von ihnen hat auf seine eigene Weise getragen, was man auf dem Wasser später als Einzelleistung wahrnimmt. In den Dry Pits zwischen Werkzeugkisten und Benzingeruch. An den Stegen, wenn es hektisch wird. Beim Organisieren, Filmen, Koordinieren. Beim Warten. Beim Aushalten. Beim Mitfiebern. Motorsport auf diesem Niveau ist kein Wochenendtrip – es ist Logistik, Verantwortung, Risiko. Und es ist Vertrauen. Ohne sie hätte es keinen Testlauf gegeben, keine Fahrt nach Italien, keinen Moment am Startsteg in Pavia. Und dann sind da die Menschen, die das Fundament bilden.
Aurelio, der den Alfa nicht nur aufgebaut hat, sondern ihm Charakter gegeben hat. Ein Motor ist mehr als Zahlen und Drehmomentkurven. Er ist Präzision, Erfahrung und Instinkt. Markus Radfang, dessen neu gefertigte Welle aus einem möglichen Risiko wieder Vertrauen gemacht hat. In einem Rennen über 414 Kilometer entscheidet ein Bauteil darüber, ob man startet oder zuschaut. Carsten und Markus, die Gießer, die Komponenten möglich machen, die es längst nicht mehr im Katalog gibt. Rolf und Petra Gersch mit der Gelassenheit einer Generation, die noch gelernt hat, Maschinen zu verstehen, nicht nur zu bedienen. Eitel Schneider, der schweißt, denkt und improvisiert, wenn andere längst aufgeben würden. Thomas Schwarzbauer am Tank – ruhig, präzise, fokussiert. Und die Unterstützer, die im Hintergrund stehen, aber genauso Teil dieser Geschichte sind: Jürgen Herzberger von Hacher Uhren, Herr Wagner von Eschner Immobilien, Menschen, die an das Projekt glauben. Hartmut Kaufmann und Frank und sein Sohn Laurenz, immer da, wenn es darauf ankommt. Das Team der DLRG Wiesbaden-Schierstein, Sicherheit auf dem Wasser. Drew und Jeff – Racer mit Haltung und Blick für das Wesentliche.

Wenn man all diese Namen zusammennimmt, entsteht kein Sponsorentext. Es entsteht ein Netzwerk aus Vertrauen. Und genau dieses Netzwerk trägt ein historisches Rennboot durch ein modernes Hochgeschwindigkeitsrennen. Offiziell bin ich Zweiter der historischen R2000 Hydroplane Klasse 2025.
Doch Zahlen erzählen nur einen Teil der Geschichte. In meinen Daten sehe ich, wo wir stärker geworden sind. In den Bildern sehe ich ein Boot, das durchgehalten hat. In den Gesichtern am Steg sehe ich, was dieses Rennen wirklich bedeutet hat. Roxane ist nicht nur ins Ziel gekommen – sie ist gewachsen. Der Alfa hat bewiesen, dass Substanz mehr zählt als Papierform. Und wir als Team haben gezeigt, dass historische Technik kein Relikt ist, sondern eine Haltung.

2025 war kein Zufall. Es war das Ergebnis von Arbeit, Präzision und Vertrauen.

2026 wird nicht einfach eine Wiederholung. Es wird die nächste Stufe.

Der Fluss frisst Boote –
aber er merkt sich, wer zurückkommt.

Foto: Giancarlo Tato Coscia

Foto:Giancarlo Tato Coscia