Story

Es gibt Rennen, die mehr sind als nur ein sportlicher Wettkampf – sie sind eine Hommage an Geschwindigkeit, Ausdauer und den unerschütterlichen Willen, Herausforderungen zu meistern. Das Raid Pavia-Venezia ist eines dieser Rennen. Seit seiner ersten Austragung im Jahr 1929 hat es eine einzigartige Tradition geschaffen, die weit über die Grenzen Italiens hinaus bekannt ist. Mit einer Strecke von über 400 Kilometern, die durch malerische Flüsse wie den Ticino und den Po führt, verbindet das Rennen nicht nur zwei der schönsten Städte Italiens, sondern auch Vergangenheit und Gegenwart. Die Teilnehmer sind nicht nur Fahrer, sondern Abenteurer, die sich den unvorhersehbaren Herausforderungen der Natur und der Technik stellen müssen.
Mein Name ist Marcello Guillerno, und ich habe die Ehre, Teil dieser traditionsreichen Veranstaltung zu sein. Doch meine Geschichte begann nicht auf dem Wasser, sondern in einer Werkstatt, wo ein altes Holz-Hydroplane darauf wartete, wieder zum Leben erweckt zu werden. Dieses Boot, ein Lucini Hydroplane „Guida Avanzata“ mit einem speziell modifizierten Alfa Romeo-Motor, ist mehr als nur ein Fahrzeug – es ist ein lebendiges Stück Geschichte. Jeder Kratzer im Holz, jedes Detail der Mechanik erzählt eine Geschichte von Geschwindigkeit, von Leidenschaft und von der Zeit, als diese Boote die Rennstrecken der Welt beherrschten.
Von der Entdeckung des Bootes in England bis zu seiner Restaurierung in Deutschland war jeder Schritt ein Abenteuer. Jede Komponente wurde mit größter Sorgfalt restauriert, jede Herausforderung gemeistert. Die Suche nach Ersatzteilen war oft wie die Suche nach einem verlorenen Schatz. Einige Teile mussten nach originalen Blaupausen nachgebaut werden, während andere aus historischen Rennbooten geborgen wurden. Doch das wahre Abenteuer begann erst, als ich mich entschloss, mit diesem Boot am Raid Pavia-Venezia teilzunehmen. Diese Entscheidung war nicht nur ein Schritt ins Unbekannte, sondern auch ein Bekenntnis zur Tradition des Rennsports und zur Faszination für historische Technik.
Dieses Booklet erzählt die Geschichte dieses Projekts – von der Recherche zur Historie des Bootes über die technischen Herausforderungen bis hin zu den atemberaubenden Momenten des Rennens selbst. Es ist eine Geschichte von Leidenschaft, Teamwork und dem Streben nach Perfektion. Eine Geschichte, die zeigt, dass Geschwindigkeit nicht nur eine Frage von PS ist, sondern auch von Mut, Präzision und dem Respekt vor der Tradition. Jede Sekunde auf dem Wasser ist ein Balanceakt zwischen Risiko und Belohnung, zwischen Kontrolle und absoluter Geschwindigkeit. Wer dieses Rennen gewinnen will, braucht mehr als nur ein schnelles Boot – er braucht eine Seele, die den Rhythmus des Wassers versteht.
Begleiten Sie mich auf dieser Reise – einer Reise, die Geschwindigkeit und Zeit miteinander verbindet. Denn am Ende geht es nicht nur darum, zu gewinnen, sondern darum, Geschichte zu schreiben. Es ist eine Geschichte über das Wiederbeleben einer Legende, über den unaufhaltsamen Drang, etwas Außergewöhnliches zu erreichen, und über die unvergesslichen Momente, wenn das Boot über das Wasser fliegt und die Grenzen zwischen Mensch und Maschine verschwimmen.

Willkommen in der Welt des Raid Pavia-Venezia!

Alles begann mit einem Zufall – oder vielleicht auch mit Schicksal. Mein guter Freund Drew stieß bei einer seiner Reisen in der Nähe von London auf ein kleines Holz-Hydroplane, das darauf wartete, wieder zum Leben erweckt zu werden. Der damalige Besitzer erzählte ihm, dass ursprünglich ein Alfa Romeo-Motor in dem Boot verbaut war. Für Drew stand sofort fest: Dieses Projekt war wie für mich gemacht. Als ich das Boot zum ersten Mal sah, war ich fasziniert – aber auch überwältigt. Es befand sich in einem stark desolaten Zustand. Der Motor fehlte vollständig, und viele andere wichtige Teile waren ebenfalls nicht mehr vorhanden. Doch das Boot war fast vollständig mit der kompletten Mechanik ausgestattet, was mir Hoffnung gab. Eine Sache fiel mir sofort auf: der riesige Tank mit über 80 Litern Fassungsvermögen. Das war ungewöhnlich, denn Boote dieser Art wurden normalerweise für kurze Circuit-Rennen gebaut, die nur 10 bis maximal 15 Minuten dauerten und daher mit kleinen Tanks von etwa 20 Litern ausgestattet waren. Diese Diskrepanz weckte meine Neugier, und ich begann zu recherchieren.

Nach intensiver Suche im Internet entdeckte ich die unglaubliche Geschichte dieses Bootes. Es hatte bereits neunmal an einem der ältesten und längsten Langstreckenrennen der Welt teilgenommen: dem Raid Pavia–Venezia in Italien. Noch beeindruckender war die Liste der Piloten, die dieses Boot über die Jahre hinweg gesteuert hatten:

  • 1983–1986: Franco Leidi – 45° Raid Pavia-Venezia
  • 1986–1988: Guido Longhi – 46° e 47° Raid Pavia-Venezia
  • 1989–1992: Emilio Bocchiola – 49° e 50° Raid Pavia-Venezia
  • 1993–2011: Agostino Cocozza – 52°, 53° e 54° Raid Pavia-Venezia

Diese Namen und Daten zeugen von der reichen Geschichte des Bootes und seiner Rolle in der Entwicklung des Motorsports. Jeder dieser Fahrer hat seinen eigenen Beitrag zur Legende dieses Bootes geleistet, und es war eine Ehre, ihre Spuren weiterzuführen. Für mich stand fest: Ich musste meine Rennlizenz machen, und dieses Boot musste zurück aufs Wasser! Die Restaurierung würde eine Herausforderung werden, aber ich war bereit, sie anzunehmen. Jeder Schritt – vom Aufspüren eines passenden Motors bis zur Feinabstimmung der Mechanik – sollte Teil einer Reise sein, die weit über das Boot selbst hinausging. Es war nicht nur ein Projekt, sondern eine Hommage an die Geschichte des Motorsports und des Raid Pavia-Venezia. Je tiefer ich mich in die Geschichte dieses Bootes vertiefte, desto mehr verstand ich, dass ich nicht nur eine Maschine restaurierte, sondern eine Legende zurück ins Leben holte. Dieses Boot war nicht einfach nur ein altes Stück Holz und Metall – es war ein Zeuge vergangener Triumphe, ein Symbol für unermüdlichen Ehrgeiz und eine Verbindung zwischen den Generationen von Rennfahrern, die dasselbe Ziel verfolgten: die Grenzen der Geschwindigkeit und der Technik zu überschreiten.

Die Restaurierung: Handwerk und Leidenschaft

Die Restaurierung: Handwerk und Leidenschaft Die Restaurierung des Bootes war ein Prozess, der nicht nur technisches Können, sondern auch unendliche Geduld und Hingabe erforderte. Jeder Schritt war eine Herausforderung, aber auch eine Hommage an das Handwerk und die Geschichte des Motorsports. Von Beginn an war mein Vater eine der wichtigsten Säulen dieses Projekts. Mit seiner Erfahrung als Yachtbauer und Oldtimer-Restaurator brachte er unverzichtbares Wissen über Holzarbeiten und mechanische Feinheiten ein. Während ich mich auf die technischen Details konzentrierte, übernahm er entscheidende Arbeiten an der Struktur des Bootes. Sein Fachwissen half dabei, beschädigte Holzteile originalgetreu zu ersetzen, den gesamten Rumpf zu überarbeiten und das Boot wieder in einen rennfähigen Zustand zu versetzen. Doch sein Einfluss reichte weit über die Holzbearbeitung hinaus. Mein Vater unterstützte mich auch intensiv bei der Restauration der Mechanik. Zusammen konstruierten und fertigten wir neue Motorträger, restaurierten das Cockpit, Dashboard und entwickelten das Gaspedal komplett neu, um es optimal an die Rennbedingungen anzupassen. Ohne seine Expertise, Geduld und Präzision wäre dieses Projekt kaum möglich gewesen.

Eines der größten Hindernisse bei der Restaurierung war der fehlende Motor. Glücklicherweise fand ich einen gebrauchten Alfa Romeo Motor, der perfekt in das Boot passte und fast baugleich mit dem ursprünglichen Motor war. Mein Cousin Aurelio, ein leidenschaftlicher Alfa-Spezialist, übernahm die komplette Überholung des Motors. Jedes bewegliche Teil wurde ersetzt oder erneuert, um sicherzustellen, dass der Motor den extremen Belastungen des Rennens standhalten würde. Besonders wichtig war die Anpassung des Motors für den Einsatz im Boot. So wurde die Lichtmaschine entfernt, da das Boot über Staudruck gekühlt wird. Auch die Wasserpumpe wurde herausgenommen, um Gewicht zu sparen und den Motor effizienter zu machen. Das Schwungrad wurde modifiziert, um mehr Drehfreude zu ermöglichen, was entscheidend für die Performance auf den langen Geraden war.

Eine weitere Besonderheit war die entgegengesetzte Einbaulage des Motors. Im Vergleich zu einem Auto musste der Motor so montiert werden, dass die Drehrichtung des Propellers angepasst wurde. Diese Art von Boot ist für Linkskurven optimiert, da sie im Circuit normalerweise linksherum fahren. Beim Raid Pavia–Venezia jedoch müssen die Boote auch Rechtskurven bewältigen – eine echte Herausforderung, da das Boot instabil wird und extrem schwer zu kontrollieren ist. Diese Schwäche gleicht das Boot jedoch durch seine unglaubliche Geschwindigkeit auf den Geraden aus, was den Reiz dieser Rennen ausmacht.

Ein weiteres großes Problem war der fehlende Wellenbock – ein entscheidendes Gussteil, das sich direkt vor dem Propeller befindet und die Antriebswelle hält. Ohne dieses Teil wäre es unmöglich gewesen, die Kraft des Motors effizient auf das Wasser zu übertragen. Da es kaum noch Ersatzteile für historische Boote auf dem Markt gibt, war dies eine echte Herausforderung. Glücklicherweise konnte ich auf Carsten zählen, der eine Gießerei in Wiesbaden betreibt. Er fertigte den Wellenbock speziell für mein Boot an und löste damit ein Problem, das sich als äußerst schwierig erwiesen hatte. Dank seiner handwerklichen Präzision war es möglich, dieses zentrale Bauteil exakt nach historischen Vorgaben zu rekonstruieren. Ohne Carstens Expertise wäre dieser kritische Abschnitt der Restauration nicht gelungen.

Nachdem der Motor eingebaut und alle Teile an ihrem Platz waren, kam der Moment der Feinabstimmung. Hier spielte Rolf, ein Urgestein des Hydroplane-Rennsports, eine entscheidende Rolle. Mit seiner jahrzehntelangen Erfahrung half er mir, das Boot optimal abzustimmen. Er unterstützte mich bei den Testläufen und sorgte dafür, dass alle Komponenten perfekt aufeinander abgestimmt waren.

Patrik war immer mit seinem Jetski dabei, um im Notfall eingreifen zu können. Doch selbst bei größter Vorsicht kann im Rennsport immer etwas Unvorhergesehenes passieren. Bei einem Testlauf platzte ein Kühlwasserschlauch direkt neben meinem Bein. Im engen Cockpit konnte ich mich kaum bewegen, und das heiße Kühlwasser verursachte eine Verbrennung dritten Grades an meiner Wade. Ich musste die Testfahrt abbrechen und mich erst einmal um die Verletzung kümmern. Die Narbe trage ich noch heute – eine ständige Erinnerung daran, wie wichtig es ist, im Rennsport nie an der falschen Stelle zu sparen. Dieser Vorfall war eine wertvolle Lektion: Im Rennsport gibt es keine Kompromisse. Rolf hatte mich bereits vorher darauf hingewiesen, druckfeste Wasserleitungen, sogenannte ANS-Systeme, einzubauen. Doch ich hatte gedacht: „Das wird schon halten, alle Schlauchschellen sind ja fest!“ Der Unfall zeigte mir, dass Sicherheit und Qualität immer an erster Stelle stehen müssen. Seitdem achte ich noch sorgfältiger auf jedes Detail, um solche Situationen in Zukunft zu vermeiden.

Mein Vater war nicht nur ein Helfer, sondern ein unverzichtbarer Teil dieses Projekts. Seine Erfahrung, sein handwerkliches Geschick und seine unermüdliche Unterstützung haben dieses Boot nicht nur wieder auf das Wasser gebracht – sie haben es zu einem Kunstwerk gemacht, das bereit ist, erneut Geschichte zu schreiben und beim Raid 2024 & 2025 es auch bewiesen hat.